Frühe Verbreitung: Antike und Frühmittelalter
Die horizontale Wassermühle (auch: griechische oder nordische Mühle) gehört zu den ältesten wasserkraftgetriebenen Maschinen. In Europa lassen sich Mühlen dieser Bauart archäologisch ab dem frühen Mittelalter nachweisen. Die effizientere vertikale Wassermühle, bei der ein senkrecht stehendes Wasserrad über Zahnräder eine horizontale Mahlwelle antreibt, setzte sich in Mitteleuropa ab dem Frühmittelalter durch.
Im Frankenreich und seinen Nachfolgestaaten wuchs die Zahl der Wassermühlen rasch. Klöster spielten bei der Verbreitung der Mühlentechnik eine wichtige Rolle, da sie große Ländereien verwalteten und auf effiziente Nahrungsmittelproduktion angewiesen waren.
Hochmittelalter: Mühlen als wirtschaftliche Zentren
Im Hochmittelalter war die Wassermühle eine der wichtigsten technischen Anlagen des mittelalterlichen Wirtschaftssystems. In vielen deutschen Territorien galt das Mühlenbannrecht: Bauern waren verpflichtet, ihr Getreide in der herrschaftlichen Mühle mahlen zu lassen und dafür Abgaben zu entrichten.
Neben der Getreidemühle (Mahlmühle) entwickelten sich Walkmühlen (für die Tuchherstellung), Sägemühlen, Hammermühlen (für die Metallverarbeitung) und Papiermühlen. Die Wassermühle wurde so zum zentralen Antriebsaggregat des vorindustriellen Gewerbes.
Mühlentechnik: Ober- und Unterschlächtigkeit
Je nach Wasserdargebot und Gefälle unterscheidet man zwischen verschiedenen Bauweisen:
- Unterschlächtige Mühle: Das Wasserrad wird von unten durch das vorbeifließende Wasser angetrieben. Geringer Wirkungsgrad, erfordert keine Stauhaltung.
- Mittelschlächtige Mühle: Das Wasser trifft das Rad in mittlerer Höhe. Höherer Wirkungsgrad als die unterschlächtige Bauform.
- Oberschlächtige Mühle: Das Wasser wird in einem Obergerinne über das Rad geleitet und drückt von oben auf die Schaufeln. Höchster Wirkungsgrad; erfordert ausreichendes Gefälle.
Turbinen ersetzten ab dem 19. Jahrhundert zunehmend die herkömmlichen Wasserräder, da sie kompakter und effizienter waren.
Getreidemühlen: Technik und Betrieb
Im Betrieb einer mittelalterlichen Getreidemühle wurde das angestaute Wasser über einen Mühlgraben oder ein Obergerinne auf das Wasserrad geleitet. Das Rad trieb über eine Welle und Zahnräder den oberen Mühlstein an, der sich über dem feststehenden Läuferstein drehte. Das gemahlene Gut fiel in einen Mehlkasten und wurde anschließend gesiebt.
| Mühlentyp | Antriebsprinzip | Hauptnutzung |
|---|---|---|
| Mahlmühle | Wasserrad | Getreide zu Mehl verarbeiten |
| Sägemühle | Wasserrad + Kurbel | Holz sägen |
| Walkmühle | Wasserrad + Hammerwerk | Tuch walken (Textilverarbeitung) |
| Papiermühle | Wasserrad + Stampfwerk | Lumpen zu Papier verarbeiten |
| Hammermühle | Wasserrad + Hammerwerk | Metallverarbeitung, Schmiedearbeiten |
Rückgang und Denkmalschutz im 20. Jahrhundert
Mit der Industrialisierung verloren Wassermühlen ihre wirtschaftliche Bedeutung. Großmühlen mit Dampf- und später Elektroantrieb übernahmen die Nahrungsmittelproduktion. Viele kleine Mühlen wurden aufgegeben, abgerissen oder zu Wohngebäuden umgewidmet.
Erhaltene historische Mühlen stehen heute vielfach unter Denkmalschutz. Die Dokumentation des technischen Erbes, einschließlich der originalen Mühlentechnik, ist Aufgabe der Denkmalpflege der Bundesländer und privater Vereine wie der Deutschen Gesellschaft für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung.
Weiterführende Quellen
Quellen
- Terry S. Reynolds: Stronger Than a Hundred Men: A History of the Vertical Water Wheel. Johns Hopkins University Press, Baltimore, 1983.
- Matthias Puhle (Hrsg.): Aufbruch in die Gotik. Der Magdeburger Dom und die späte Stauferzeit. Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt, Halle, 2009.
- Deutsche Gesellschaft für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung: Mühlen in Deutschland. deutsche-muehlen.de