Funktionsprinzip der Tide-Mühle
Eine Tide-Mühle (englisch: tidal mill) funktioniert im Wesentlichen nach dem gleichen Grundprinzip wie eine Flussmühle, nutzt aber anstelle eines Fließgewässers den Gezeitenrhythmus als Energiequelle. Das Prinzip ist folgendes:
- Bei Flut wird Meerwasser in ein durch Dämme oder Schleusen gesichertes Speicherbecken (Mühlteich) geleitet.
- Bei Ebbe fällt der Meeresspiegel ab; das im Becken stehende Wasser liegt nun höher als der Außenpegel.
- Durch die geöffnete Mühlensteige strömt das Wasser kontrolliert ab und treibt dabei das Wasserrad an.
- Die Nutzungszeit der Mühle ist auf die Phasen begrenzt, in denen ein ausreichender Höhenunterschied besteht.
Da der Gezeitenrhythmus zeitlich verschoben ist (knapp 50 Minuten täglich), variierte die Betriebszeit der Tide-Mühle täglich. Der Müller musste auch nachts arbeiten, wenn die Gezeiten es erforderten.
Verbreitung an der deutschen Nordseeküste
An der deutschen Nordseeküste besteht ein messbarer Tidenhub — in der Deutschen Bucht zwischen etwa 2 und 4 Metern. Tide-Mühlen fanden sich historisch vor allem an geschützten Buchten, Flussmündungen (Ästuarien) und hinter Deichen, wo Speicherbecken angelegt werden konnten.
Dokumentierte Standorte gab es unter anderem in der Nordseeküstenregion Niedersachsens und Schleswig-Holsteins sowie auf den nordfriesischen Inseln. Viele dieser Anlagen sind nicht mehr erhalten; ihr Nachweis beruht auf historischen Karten, Katasterunterlagen und lokaler Überlieferung.
Tide-Mühlen im europäischen Vergleich
Tide-Mühlen verbreitet an atlantischen Küsten mit größerem Tidenhub — in der Bretagne (Frankreich), in England (besonders Südostengland) und auf der Iberischen Halbinsel. An einigen Standorten, etwa die Eling Tide Mill in Hampshire (England, belegt ab ca. 1086 im Domesday Book), ist die Nutzung historisch gut dokumentiert.
In Deutschland war der Bau von Tide-Mühlen aufgrund der vergleichsweise geringeren Gezeitenhöhe und der Küstengeomorphologie seltenerer als an Atlantikküsten mit deutlich größerem Tidenhub (Bretagne: bis 14 Meter).
Technische Besonderheiten
Die Tide-Mühle erforderte eine sorgfältige Planung der Becken- und Schleusenbauwerke. Die Schleusentore (Spundwände oder hölzerne Stemmtore) mussten seewasserfest und reparaturarm sein. In vielen Anlagen wurden einfache Kipptore (Fluttore) verwendet, die sich bei Flut automatisch öffneten und bei Ebbe durch den Wasserdruckunterschied schlossen.
Energie aus dem Gezeitenrhythmus heute
Das Prinzip der Tide-Mühle lebt in moderner Form in Gezeitenkraftwerken weiter. Solche Anlagen nutzen den Wasserdruck zwischen aufgestautem Becken und Außenpegel für die Stromerzeugung. Das Gezeitenkraftwerk La Rance in der Bretagne (Frankreich) ist das bekannteste kommerzielle Beispiel.
Quellen
- Adam Lucas: Wind, Water, Work: Ancient and Medieval Milling Technology. Brill, Leiden, 2006.
- Dietrich Lohrmann: Von der östlichen zur westlichen Windmühle, in: Archiv für Kulturgeschichte, 77(1), 1995.
- John Langdon: Mills in the Medieval Economy: England, 1300–1540. Oxford University Press, 2004.